Tageslosung

Invokavit (Er ruft mich an, darum will ich ihn erhören. Psalm 91,15)
Fürchte dich nicht, Zion! Lass deine Hände nicht sinken! Denn der HERR, dein Gott, ist bei dir, ein starker Heiland.
Stärkt die müden Hände und die wankenden Knie und tut sichere Schritte mit euren Füßen.

»Wunder gibt es immer wieder, heute oder morgen können sie gescheh'n. Wunder gibt es immer wieder. Wenn sie dir begegnen musst du sie auch sehn.«

Mit diesem Lied hat Katja Ebstein 1970 beim Grand Prix d'Eurovision de la Chanson (wie der Eurovision Song Contest damals hieß), den dritten Platz belegt. Und ich finde es immer wieder erstaunlich, wie sich so manchem deutschen Schlager ein theologischer Sinn unterlegen lässt. So auch hier.

Sie ahnen vielleicht schon, worauf ich hinaus will: Zwei zentrale Aussagen macht dieses Lied: Erstens: „Wunder gibt es ständig, jederzeit können sie passieren." Zweitens: „Wer sie nicht wahrnimmt, hat nichts davon." Es ist eine Frage der Perspektive, mit der wir an ein Geschehnis herangehen, nicht das Ereignis selbst und an sich.


Wer mich darauf gebracht hat, war ausgerechnet mein Zahnarzt, als er mir einen Weisheitszahn zog. Der war an der Oberfläche schon sehr zerbröselt. Nicht etwa, dass mein Zahnarzt dabei das Lied von Katja Ebstein sang. Das hätte mich eher sehr bedenklich gestimmt.
Nein, als er fertig war – und er brauchte nur zwei Minuten, um den Zahn an einem Stück heraus zu bekommen – da sagte er: „Da hatte wohl der liebe Gott seine Finger mit im Spiel." Darauf wäre ich in der Situation nicht gekommen. Aber mein Zahnarzt erklärte mir, wegen des Röntgenbilds sei er davon ausgegangen, dass der Zahn während der Operation in mehrere Teile zerbräche. Er hatte sich schon innerlich damit abgefunden, dass er ihn weiter zerlegen und stückweise herausarbeiten müsste. Was er mir vorher freundlicherweise nicht gesagt hatte.
Ich war nur erleichtert und wollte das Können meines Zahnarztes loben. Er hingegen schrieb den Erfolg einem kleinen Wunder zu. – So können Theologen von Ärzten das Staunen lernen.


Wie schon Katja Ebstein sang: Es ist eine Frage der Perspektive, ob wir die Wunder auch sehen. Achten wir doch vermehrt darauf – und wenn wir die vielen kleinen und großen Wunder im Alltag bemerken, so können wir uns darüber freuen: Es gibt da einen, der mehr kann als wir und der möglicherweise ab und zu unsere Hände und Schritte lenkt.

Hans-Joachim Roth