Tageslosung

Invokavit (Er ruft mich an, darum will ich ihn erhören. Psalm 91,15)
Fürchte dich nicht, Zion! Lass deine Hände nicht sinken! Denn der HERR, dein Gott, ist bei dir, ein starker Heiland.
Stärkt die müden Hände und die wankenden Knie und tut sichere Schritte mit euren Füßen.

Wo bist du, Gott, du großer Stern,
den die Gebete nennen?
Du warst doch nah und bist so fern
und lässt dich nicht erkennen.

Die Augen nehmen dich nicht wahr,
wir gehen wie die Blinden
und suchen, wo dein Bild einst war
und können dich nicht finden.

Wir hören deine Stimme nicht
im Lärmen der Motoren.
Lass leuchten, Herr, dein Angesicht,
sonst gehen wir verloren.

Der Himmel über uns ist leer
und nirgends Engelheere.
Wo nehmen wir den Frieden her?
Wir haben nur Gewehre

Weiß einer noch, wo Hirten sind,
die wachen bei den Herden?
Zeig uns den Stall, zeig uns das Kind,
dass wir gerettet werden.

Dieses „Bekümmerte Weihnachtslied“ von Lothar Zenetti begleitet mich durch die Advents- und Weihnachtszeit 2015. Keine heile Welt, weiß Gott nicht. Aber war sie jemals heil? In dem jedenfalls, was die berühmte Weihnachtsgeschichte des Lukas-Evangeliums erzählt, ist kaum etwas heil oder perfekt. Die Familie nicht, die Zeitplanung nicht und die Unterbringung für Mutter und Neugeborenes erst recht nicht. Das erste Weihnachten passierte, so scheint es, eher nebenbei und ungeplant.

Heil ist diese Welt nicht und war sie nie. Wir brauchen an Weihnachten auch gar nicht erst versuchen, uns das selber vorzuspielen – das endet nur in Show, Krampf und Enttäuschung. Aber: Die Welt kann heilig werden. „Heilig“ heißt dabei nicht „perfekt“. Sondern heilig ist das, was Gott gehört. Heiligkeit ist dort, wo Gott hinkommt. Das kann eine Parkbank sein oder eine Flüchtlingsunterkunft. Ein Wohnzimmer oder eine Kirche. An Weihnachten ver-spricht Gott, dass er uns begegnen will – im Evangelium von seiner Freundlichkeit, in den Kirchenliedern, ja, und im anderen Menschen neben mir. Weihnachten heißt: Gott kommt zu uns. Nicht in Macht und Größe, sondern in einem schwachen, schutzlosen Baby.

„Wo nehmen wir den Frieden her? Wir haben nur Gewehre.“ Gewalt erzeugt keinen Frieden, weder international noch im Wohnzimmer. Gewalt erzeugt höchstens Totenstille. Und Hass. Der Friede aber beginnt, wo wir einander offen und verletzbar begegnen. In Bethlehem hat Jesus Christus damit angefangen. Gott hat sich klein gemacht – für uns.

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest 2015!

Pfr. Martin Abraham, Evangelische Kirchengemeinde Bruchköbel