Tageslosung

Invokavit (Er ruft mich an, darum will ich ihn erhören. Psalm 91,15)
Fürchte dich nicht, Zion! Lass deine Hände nicht sinken! Denn der HERR, dein Gott, ist bei dir, ein starker Heiland.
Stärkt die müden Hände und die wankenden Knie und tut sichere Schritte mit euren Füßen.

Am Donnerstagnachmittag war es endlich soweit: die dicke Jacke bleibt am Haken hängen, die Terrasse wird gereinigt. Die Bänke im Feld sind besetzt, als ich mit dem Hund spazieren gehe.
Es ist warm und ich genieße die Sonnenstrahlen bei jedem Schritt, den ich tue. Einfach herrlich. Ich spüre die wohltuende Wärme und augenblicklich geht es mir besser. Auf einer der Bänke finde ich noch einen Platz, setze mich hin und lasse den Gedanken freien Lauf. Mir kommen die Bilder von Menschen in dem griechischen Flüchtlingslager Idomeni in den Sinn. Sie stecken fest in einem kargen Zeltlager, das erst vom Regen und dann vom Schlamm überspült wurde. Ein ominöses Flugblatt sorgt für einen Aufbruch durch einen eisigen Fluss. Doch nach allen Strapazen schickt das mazedonische Militär die Flüchtlinge zurück nach Idomeni, zurück zum Ausgangspunkt. Sie könnten es besser haben, wenn Sie nach Athen in ein ausgebautes Lager ausweichen würden. Aber sie hoffen auf den einen Moment, in dem sich die Grenze öffnet. Den wollen sie nicht verpassen und deshalb bleiben sie lieber. Und als ich daran denke, steigt in mir die Frage auf, ob ich denn wirklich schon erfasst habe, was ein sonniger Frühlingstag zu bedeuten hat. Für mich geht es dabei um Genuss, für die Geflüchteten in Idomeni bedeutet ein warmer Tag viel mehr, vielleicht sogar das Überleben! Ich muss gestehen: meine Perspektive ist begrenzt. Je mehr ich an die Situation in Idomeni denke, desto begrenzter. Na klar, ich könnte das ausblenden und eben einfach nur die Wärme genießen. Aber so leicht will ich es mir nicht machen, denn je mehr man das tut, desto oberflächlicher wird der Genuss. Mir geht das politische Ringen um eine Lösung durch den Kopf. Erschreckende Parolen von Politikern, die auf Gesetze pochen, ohne Rücksicht auf die Menschen. Wahlergebnisse, die aufhorchen lassen. Ein Bericht von einer freiwilligen Helferin, die Kindern über den eiskalten Fluss half, obwohl sie wusste, dass es keine Chance auf ein Weiterkommen gibt. Eines der Kinder, so erzählt sie, holt aus einer Tasche einen Schokoriegel und teilt ihn mit ihr. Mitten in diesem Leid ein Moment menschlicher Größe, ein Lebenshauch. Mir wird klar, dass ich das Elend gar nicht ermessen kann, hier in der Sonne auf meiner Bank. Aber irgendwie genieße ich die Wärme jetzt noch etwas mehr als vorhin. Und wie sehr wünsche ich mir, dass das Leben sich durchsetzt, die Oberhand gewinnt und behält. Darum geht es auch in diesen Tagen in den Kirchen. In einem Spannungsbogen von Gründonnerstag bis Ostermontag werden Leid, Tod und neues Leben bedacht, nachempfunden, begangen und erfahren. Khalil Gibran, ein christlich-libanesischer Dichter und Philosoph, hat folgenden Satz geprägt: „Man muss durch die Nacht wandern, wenn man die Morgenröte sehen will.“ Manchmal gewinnt man daraus neue Perspektiven für das, was man denkt und tut. Und die brauchen wir: für uns und für die, die unsere Hilfe brauchen!
Pfarrer Jens Heller
Evangelische Kirchengemeinde Bischofsheim