Sprengel Hanau-Hersfeld - Sprengel Hanau-Hersfeld

Tageslosung

Fürchte dich nicht, du von Gott Geliebter! Friede sei mit dir! Sei getrost, sei getrost!
Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.
Nachgedacht
Taub - aber nicht stumm...
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Selbstgestaltetes Altartuch mit I-L-Y-Gebärde.
I-L-Y steht für 'I love you'. Das ist die weltweite Solidaritätsgebärde tauber Menschen.
I-L-Y heißt: Ich erkenne, dass du gehörlos bist. Ich mag dich. Ich bin solidarisch mit dir.
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Pfarrerin in der Gehörlosenseelsorge -
das war für mich zunächst, als ob ich in eine unbekannte Welt eintauche, als ich in 2012 meinen Dienst als Gehörlosenseelsorgerin begann.
Seitdem habe ich eine wunderbare Sprache neu erlernt, die Gebärdensprache.
Und vor allem lerne ich Menschen kennen, deren Muttersprache die Gebärdensprache ist.


An der Kommunikation tauber Menschen fasziniert mich ihre ungeheure Ausdruckskraft.
Die Hände sind ständig in Bewegung und die Mimik ist ganz lebendig.
Gebärdensprache ist immer authentisch: jemand, der sich freut, macht kein trauriges Gesicht. Sondern lächelt.
Gebärden und Mimik passen immer zueinander.  
Gebärdensprache ist eine visuelle Sprache und funktioniert auf Augenhöhe: Wer gebärdet muss sich ansehen um zu verstehen.
 
Ich mache die Erfahrung, dass biblische Texte und Lieder in Gebärdensprache auch für hörende Menschen eine Bereicherung sind.
Oftmals sagen mir hörende Menschen, die zum ersten Mal eine Bibelgeschichte zugleich hören und gebärdet sehen, 
wie beeindruckt sie davon sind.

Auch mir selbst erschließen sich altvertraute Bibeltexte durch die Übersetzung in Gebärdensprache  neu.
Jeden Bibeltext, den ich predige, übersetze ich zunächst in Gebärdensprache.
Mir ist in meinen Gottesdiensten eine gut verständliche und anschauliche Gebärdensprache wichtig, um die Menschen zu erreichen und ihr Herz zu berühren. 
  

Was ich beim Übersetzen entdecke, ist oftmals aufschlussreich. 
Zum Beispiel bei der vormals sogenannten
Geschichte der 'Heilung eines Taubstummen' im Markusevangelium.
Erfreulicherweise heißt die Geschichte in der revidierten Lutherbibel (2017) inzwischen 'Heilung eines Tauben'.
Das trägt dem Selbstverständnis tauber Menschen Rechnung. Und den Begriff 'taubstumm' gibt es im Griechischen nicht.

Taube Menschen sind nicht stumm! Ihr Sprache ist die Gebärdensprache. Und die funktioniert ohne akustische Signale.
Seit 2002 ist die deutsche Gebärdensprache (DGS) mit der Verabschiedung des Behinderten-Gleichstellungsgesetzes rechtlich als Sprache anerkannt
und 'barrierefreie Teilhabe' zu einem terminus technicus geworden.
Barrierefreiheit bedeutet für gehörlose Menschen, in Gebärdensprache zu kommunizieren.
Und es bedeutet, gegebenfalls das Recht auf Verdolmetschung von Lautsprache in Gebärdensprache in Anspruch zu nehmen.

Für das tägliche Leben ist für taube Menschen ihr Recht auf Verdolmetschung durch die Sozialgesetzgebung geregelt, vgl. u.a. SGB I, IX, X. 
Im kirchlichen Bereich hat der Dachverband evangelischer Gehörlosenseelsorge, DAFEG, gemeinsam mit dem Kirchenamt der EKD
die Ziele des Behinderten-Gleichstellungsgesetzes umgesetzt.
So wurde 2005 ein Verfahren für die Verdolmetschung von Kasualien (Taufe, Konfirmation, Trauung, Bestattung) etabliert,
das es tauben Menschen ermöglicht, ihr Recht auf barrierefreie Teilhabe auch im kirchlichen Bereich in Anspruch zu nehmen.

'Barrierefreie Teilhabe' zu ermöglichen bedeutet Barrieren abzubauen. 
Überall, wo für taube Menschen Kommunikation in Gebärdensprache möglich ist, wird Barrierefreiheit Wirklichkeit.

Als Pfarrerin setze ich mich im kirchlichen Bereich  für barrierefreie Teilhabe für taube Menschen ein.

Ich wünsche mir Verständnis für die Themen gehörloser Menschen in einer lautsprachlich orientierten Kirche.
Mir ist wichtig, hörende Menschen für die Anliegen und die Lebenswirklichkeit tauber Menschen zu sensibilisieren.
Das sehe ich als eine wesentliche Aufgabe meines Dienstes als Pfarrerin in der Gehörlosenseelsorge.
Und das ist echte Basisarbeit. Auch im 21. Jahrhundert gibt es in Köpfen von Menschen ohne Handicap immer noch Barrieren gegenüber Menschen mit Handicap.

Die Herzlichkeit und die Lebensfreude, die ich in meinen beiden Gebärdensprachgemeinden erlebe, motiviert mich täglich neu,
an dieser Aufgabe 'dranzubleiben. 

Gehörlose Menschen haben kein Gehör. Sie sind taub. Aber nicht stumm!



Melanie Keller-Stenzel, Pfarrerin
Gehörlosenseelsorge in den Landkreisen Fulda und Main-Kinzig

 

Fotos: privat
Gemeinsamer Gottesdienst in Laut- und Gebärdensprache mit der Marienkirchengemeinde Gelnhausen, Kirchenfest der Gehörlosenseelsorge in Frankfurt/Main, Gemeinsamer Gottesdienst in Laut- und Gebärdensprache mit der Christuskirchengemeinde Fulda und Sommerfest der Gebärdensprachgemeinden Hanau und Fulda

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